Mit der konstituierenden Sitzung hat der neue Klimarat für Niedersachsen seine Arbeit aufgenommen. Das Gremium soll Wissenschaft, Verbände und Bürgerinnen und Bürger einbinden – und so sicherstellen, dass Klimaschutz nicht nur ambitioniert, sondern auch sozial gerecht und praktisch umsetzbar ist.

Prof. Dr. Anne Schierenbeck von der Hochschule Osnabrück wurde am vergangenen Freitag zur Vorsitzenden des neu geschaffenen Klimarats gewählt. Ihre Stellvertretung übernimmt Bernhard Osterburg vom Johann Heinrich von Thünen-Institut in Braunschweig. Mit der konstituierenden Sitzung setzt Niedersachsen einen zentralen Bestandteil des novellierten Klimagesetzes um.

Einzigartige Konstruktion in Deutschland

„Diese Konstruktion, sowohl Wissenschaft und Verbände als auch repräsentative Bürgerinnen und Bürger nach ihrer Meinung zu einzelnen Klimaschutzmaßnahmen zu fragen, ist einzigartig in Deutschland“, betont Klimaschutzminister Christian Meyer (Grüne). Mit dem Klimarat werde eine wichtige Plattform geschaffen, die unterschiedliche Perspektiven einbinde und ernst nehme. „So stellen wir sicher, dass die besten Ideen aus den unterschiedlichen Perspektiven in die Klimapolitik des Landes einfließen und diese sozial gerecht und wirtschaftlich tragfähig ist.“

Der Klimarat setzt sich aus sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen sowie neun Mitgliedern zusammen, die von Umwelt-, Wirtschafts-, Sozial-, Gewerkschaftsverbänden und den kommunalen Spitzenverbänden vorgeschlagen wurden. Die Geschäftsstelle ist bei der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen (KEAN) angegliedert.

Bürgerrat als demokratischer Praxischeck

Eine Besonderheit: Für einen „Praxischeck“ sollen darüber hinaus Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden, die einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung nach Altersgruppen, Einkommen, Geschlechtern sowie Stadt und Land darstellen. Sie geben ein Votum zu den Vorschlägen der Wissenschaft und Verbände ab. Beides wird dann in einem Bericht an die Landesregierung und den Landtag veröffentlicht.

„Ich glaube es ist mehr als hilfreich, zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger bei der Umsetzung von Vorschlägen zum Klimaschutz zu beteiligen und deren Meinung einzuholen“, erklärt Minister Meyer. „Wir wollen Klimaschutz gemeinsam mit den Menschen umsetzen – und nicht über ihre Köpfe hinweg.“

SPD: Klimapolitik braucht Akzeptanz vor Ort

Auch die umweltpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Thordies Hanisch, begrüßt den Klimarat als wichtigen Baustein: „Klimaschutz ist eine der größten Gemeinschaftsaufgaben unserer Zeit. Er gelingt aber nur, wenn wir die Menschen mitnehmen und Maßnahmen praxistauglich gestalten.“ Der Klimarat sei kein Elfenbeinturm – seine Stärke liege gerade in der Verbindung von wissenschaftlicher Expertise und praktischer Erfahrung.

Besonders wichtig sei die enge Verzahnung mit gesellschaftlicher Beteiligung: „Gute Klimapolitik braucht neben fundierter Analyse auch Akzeptanz vor Ort. Es darf nicht über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden werden“, so Hanisch. Der Klimarat liefere die fachliche Grundlage – die politische Aufgabe bleibe, daraus sozial gerechte und wirtschaftlich tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Ehrgeizige Klimaziele bis 2040

Die erste große Aufgabe des Klimarats ist die Bewertung der im Mai 2025 aktualisierten Klimaschutzstrategie der Landesregierung. Diese sieht vor, klimaschädigende CO2-Emissionen bis 2030 um mindestens 75 Prozent und bis 2035 um mindestens 90 Prozent gegenüber 1990 zu mindern. Klimaneutralität soll bis 2040 erreicht werden.

„Aktuell sind die energiebedingten Treibhausgasemissionen um gut 30 Prozent gegenüber 1990 gesunken“, berichtet Meyer. „Auch wenn wir bei den Erneuerbaren Energien und der Transformation der Wirtschaft schon sehr weit sind, brauchen wir vor allem im Sektor Verkehr und Gebäude/Wärme ein höheres Tempo.“

Erneuerbare Energien: Niedersachsen ist Spitzenreiter

Bei den erneuerbaren Energien kann Niedersachsen bereits Erfolge vorweisen: Vor zwei Jahren wurde erstmals der gesamte Strombedarf aus erneuerbaren Energien gedeckt – ein historischer Rekord. Die Windenergie an Land bleibt mit knapp 6300 Anlagen die tragende Säule. Mit einer Genehmigungsdauer von nicht einmal elf Monaten für neue Windräder ist Niedersachsen deutlich schneller als der Bundesdurchschnitt mit fast 17 Monaten.

Doch Meyer mahnt: Mehr als 50 Prozent des Energieverbrauchs entfallen auf den Wärmesektor, aktuell würden aber nur elf Prozent des Wärmebedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt. Hier müsse die Wärmewende „mit Nachdruck vorangetrieben“ werden.

Kritik an Bundespolitik: „Fossiles Rollback ist fatal“

Scharfe Kritik übt der Klimaschutzminister an Bundeswirtschaftsministerin Reiche, die den Ausbau der erneuerbaren Energien ausbremsen wolle. Auch ein „fossiles Rollback“ mit mehr Gasförderungen im Inland sowie neuen fossilen Gaskraftwerken sieht Meyer skeptisch: „Niedersachsen setzt auf 100 Prozent erneuerbare Energien, Netze und Speicher. Statt fossiler Irrtümer und Abhängigkeiten brauchen wir jetzt einen Turbo für kostengünstige heimische Energien.“

Der Minister betont den sozialen Aspekt der Energiewende: „Niedersachsen setzt auf sozialen Klimaschutz, etwa in der Sozialwirtschaft, aber auch auf den Umstieg für kleine Einkommen, auf die sich die Förderung konzentrieren sollte.“ Daher seien auch die Gewerkschaften und Sozialverbände im Klimarat stark vertreten.

Netzausbau als entscheidender Faktor

Für den Erfolg der Energiewende sei auch ein „Ausbau-Turbo“ bei den Netzen entscheidend. „Wir haben schon viele neue Windräder genehmigt“, so Meyer. „Damit sie aber auch gebaut werden und ihren Nutzen haben können, brauchen wir effektive und leistungsfähige Stromnetze.“ Der Bund müsse hier zusätzliches Geld zur Verfügung stellen und die Verteilnetzbetreiber finanziell unterstützen.

Kommunale Perspektive wichtig

SPD-Politikerin Hanisch sieht auch für die Kommunen eine zentrale Rolle des neuen Gremiums: „Ob Wärmewende, Energieversorgung oder Mobilität im ländlichen Raum – entscheidend ist, dass Empfehlungen vor Ort umsetzbar sind. Genau dafür brauchen wir diesen Praxischeck.“

Minister Meyer fasst den Anspruch zusammen: „Die Politik ist gut beraten, breit getragene Vorschläge von Klima- und Bürgerrat ernst zu nehmen und auch umzusetzen. Das könnte einen neuen, parteiübergreifenden Konsens im Bereich Klimaschutz ermöglichen.“

Mit dem Klimarat setzt Niedersachsen auf einen innovativen Weg, der Wissenschaft, organisierte Interessen und Bürgerbeteiligung verbindet – ein Modell, das bundesweit Beachtung finden dürfte.


Quellen: Pressemitteilung des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie und Klimaschutz (PI 032/2026) und Pressemitteilung der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag (Nr. 19/718)

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