
Ein Blick in den Energiemonitor für die Stadt Bassum zeigt zumeist, dass Bassum deutlich mehr Strom produziert als es verbraucht. Aktuell etwa 220 %. Und auch die Kennzahlen bestätigen: 100 % Eigenversorgung, 43 % der Energie aus Photovoltaik. Da könnte man meinen, dass die Energiewende in Bassum abgeschlossen ist und keine weiteren Anlagen nötig sind. Aber ist das so einfach?
Bestandsaufnahme: Können wir uns selbst versorgen?
Im Energiemonitor können unterschiedliche Zeitabschnitte ausgewählt werden, selbst im Winter scheint es in Bassum ziemlich gut auszusehen. Die Linie mit dem Stromverbrauch liegt fast immer unter der Stromproduktion. Mit 9.274 kW installierter Leistung Biomasse, 33.797 kW Photovoltaik, 170.050 kW Windkraft und immerhin 15 kW Wasserkraft sowie 182 kW sonstige Stromerzeuger hat Bassum auch eine Menge. Demgegenüber steht ein Verbrauch von nachts manchmal 5.000 kW und tagsüber bis zu 15.000 kW.
Diese Werte, die installierte Leistung, können unter optimalen Bedingungen erreicht werden, aber was passiert, wenn die Bedingungen nicht so optimal sind? Am 11. März hat Bassum etwa 270 MW Strom verbraucht und etwa 500 MW produziert, aber nicht zur gleichen Zeit, sodass „nur“ 83 % des Stromverbrauchs durch eigenen Strom gedeckt werden konnte. Um den überschüssigen Strom zu speichern um dieses Missverhältnis auszugleichen hätte Bassum einen Energiespeicher für 46 MWh gebraucht. Das entspricht etwa einer Anlage im britischen Hertfordshire aus 7 E-Häusern und 27 Wechselrichtern auf 4.500 m² und dürfte etwa einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag kosten.
Und das war noch nicht einmal eine „Dunkelflaute“, in der Woche vom 13. Januar 2025 konnte Bassum nur 77 % Eigenversorgung aufweisen, 429 MWh wurden aus dem Netz bezogen, während 2.720 MWh eingespeist wurden. Um diese Lücke auszugleichen hätte Bassum einen Speicher im Umfang von 450 MWh gebraucht, das wäre einer der größten Stromspeicher der Welt.
Das Problem mit dem Primärenergieverbrauch
Das Problem scheint also die Speichertechnologie zu sein, aber genug Energie produziert Bassum eigentlich, oder? Eben nicht.
Im Energiemonitor wird nur die Stromproduktion und der Stromverbrauch in der Niederspannung abgebildet. Größere Unternehmen, die direkt Strom aus der Mittelspannung beziehen, können nicht abgebildet werden, also verbraucht Bassum noch mehr Strom.
Und natürlich verbrauchen wir alle noch mehr Energie als nur Strom, die größten Posten sind daneben Gase (insb. Erdgas) zur Wärmeerzeugung sowie Mineralölprodukte zur Wärmeerzeugung oder für den Transport. In beiden Bereichen wird der Stromverbrauch in den nächsten Jahren durch Wärmepumpen und Elektroautos steigen.
Wir sind nicht allein auf der Welt
Bassum ist mit seinen fast 170 km² mehr als eineinhalb mal so groß wie die Stadt Oldenburg (Oldb) hat aber nicht einmal ein Zehntel der Einwohner:innen. In Bassum ist also im Verhältnis zur Einwohner:innenzahl viel Platz für Landwirtschaft, Windkraft und Freiflächenphotovoltaik. Ähnlich sieht es in Twistringen oder Barnstorf aus. Aber in Stuhr, Weyhe oder Diepholz ist die Lage schon anders, alle drei Gemeinden können ihren Strombedarf nur selten selbst decken und haben nur sehr wenige Möglichkeiten für weitere Windkraftanlagen.
Ein bisschen weiter nördlich wird es dann noch schwieriger: Ob Mercedes-Werk, Stahlwerk, Airbus, Beck & Co oder viele andere Unternehmen: sie alle brauchen Strom, viel Strom für ihre Produktion. Das gesamte Umland der Stadt Bremen muss diesen Strom produzieren, weil es in Bremen nicht möglich ist.
Wertschöpfung vor Ort
Nun könnte man fragen: Aber was haben wir davon?
Windkraft ist Wertschöpfung vor Ort: Bei neueren Windkraftanlagen zahlt der Betreibende eine „Akzeptanzabgabe“ an die zuständige Kommune, etwa 30.000 € pro Windkraftanlage. Zusätzlich zahlt der Betreibende eine Pacht an den Eigentümer bzw. die Eigentümerin der Fläche, wofür wiederum Steuern an Bund, Land und Kommune gezahlt werden. Schließlich zahlen auch Entwickler:innen und Eigentümer:innen Steuern, hier profitiert die Gemeinde über die Gewerbesteuer besonders, wenn die entsprechenden Gesellschaften ihren Sitz auch in der Gemeinde haben.
Bei den fossilen Energieträgern wie Erdgas, Erdöl oder Kohle, aber auch bei Atomenergie, liegt die Wertschöpfung in fernen Ländern. Wir finanzieren damit Putins Krieg gegen die Ukraine und seinen hybriden Krieg gegen Europa, die Unterdrückung der Uiguren in China oder die Unterdrückung der Bürgerrechte in arabischen Staaten.
Flächenziel erklärt
In der aktuellen Debatte in Bassum wird häufig das Argument gebracht, dass Bassum das Flächenziel für den Landkreis von 1,7 % bis 2027 und von 2,2 % bis 2032 schon heute übererfüllt hat.
Der Bund hat mit dem Windenergieflächenbedarfsgesetz festgelegt, dass Niedersachsen bis Ende 2027 mindestens 1,7 % und bis Ende 2032 mindestens 2,2 % seiner Landesfläche für Windkraft ausgewiesen haben muss. Niedersachsen hat dieses Ziel auf die Landkreise heruntergebrochen, wonach der Landkreis Diepholz eben diese mindestens 1,7 % und mindestens 2,2 % erfüllen muss (im Vergleich dazu Delmenhorst 0,03 % bis 2032 und der Landkreis Lüneburg 4,00 % bis 2032).
Ob mit den Flächenzielen für 2032 der steigende Strombedarf gedeckt werden kann, ist allerdings derzeit unklar und von vielen weiteren Faktoren abhängig, darunter auch dem Ausbau der Windkraft in der Nordsee, der Entwicklung der Biomasse, dem Ausbau von Freiflächenphotovoltaik und nicht zuletzt der Entwicklung des Strombedarfs und der Speichertechnologie. Bisherige Schätzungen gehen aber davon aus, dass der Strombedarf auch nach 2032 weiter steigen wird.
Mit der Ausweisung der Vorranggebiete durch den Landkreis Diepholz (aufbauend auf die Planungen der Kommunen), wird der Landkreis voraussichtlich 2,49 % der Landkreisfläche für Windkraft ausweisen. Für Bassum in der Planung sind dabei die bereits bestehende Windparks westlich und östlich der L776 (inkl. Friedeholzheide) sowie in Albringhausen und die bereits seit 2013 im Standortkonzept Wind der Stadt Bassum vorgesehenen Flächen in Röllinghausen und an der Grenze zu Twistringen.
Kommentar verfassen